Warum ist ein kurzes „Moin“ eigentlich so schwer?

Es gibt Dinge, die versteht man einfach nicht.
Warum Socken grundsätzlich einzeln aus der Waschmaschine kommen. Warum Leute im Supermarkt mitten im Gang stehen bleiben, als hätten sie gerade eine göttliche Eingebung zwischen Dosentomaten und Hafermilch. Und warum es offenbar für manche Radfahrer fast unmöglich ist, beim Entgegenkommen auf dem Radweg ein kurzes „Moin“ rauszudrücken.
Nicht falsch verstehen: Ich erwarte keine Umarmung. Kein gemeinsames Lied. Keine spontane Einladung zum Grillabend. Ich will auch nicht, dass wir unsere Steueridentifikationsnummern austauschen oder über unsere Kindheit sprechen.
Aber so ein kleines „Moin“?
Ein Nicken?
Ein Fingerheben am Lenker?
Irgendwas?
Man fährt sich entgegen. Zwei Menschen. Zwei Räder. Meistens irgendwo draußen in der Natur, auf einem Radweg, im Wald, am Kanal oder zwischen zwei Dörfern, wo der spannendste Verkehrsteilnehmer ansonsten ein Trecker mit Güllefass ist. Man sieht sich. Man erkennt: Ah, da kommt auch jemand auf zwei Rädern. Also quasi ein Leidensgenosse. Ein Bruder oder eine Schwester im Kampf gegen Gegenwind, Schlaglöcher, SUV-Spiegel und schlecht eingestellte Sättel.
Und dann passiert: nichts.
Der Blick geht starr nach vorne. Gesichtsausdruck wie bei einer Darmspiegelung ohne Narkose. Körperhaltung angespannt. Man könnte meinen, der andere fährt gerade die letzte Etappe der Tour de France und darf auf keinen Fall durch menschliche Nähe aus dem Aero-Modus gebracht werden.
Dabei wäre es so einfach.
„Moin.“
Zack. Fertig.
Dauert keine Sekunde. Kostet keinen Akku. Macht das Rad nicht schwerer. Verschlechtert nicht den Schnitt bei Strava. Und trotzdem scheint es für manche Menschen eine größere Hürde zu sein als ein technischer Uphill mit nassen Wurzeln.
Erklärung Nummer 1: Der innere Tour-de-France-Modus
Vielleicht liegt es daran, dass viele Radfahrer innerlich permanent im Wettkampf sind.
Auch wenn sie gerade nur zum Bäcker fahren, läuft im Kopf offenbar Eurosport-Kommentar.
„Er zieht vorbei am Ortsschild von Niederirgendwas! Die Menge tobt! Noch 1,2 Kilometer bis zur Ampel! Kann er die Durchschnittsgeschwindigkeit halten?“
Da bleibt natürlich keine Energie für soziale Interaktion. Wer mental gerade im gelben Trikot unterwegs ist, kann nicht einfach irgendeinen Freizeitfahrer grüßen. Das wäre ja ein Zeichen von Schwäche. Vielleicht sogar aerodynamisch ungünstig.
Ein „Moin“ könnte den Puls senken. Den Fokus zerstören. Am Ende verliert man noch 0,3 Sekunden auf dem Segment „Radweg hinterm Netto Richtung Kreisverkehr“.
Und das will nun wirklich niemand riskieren.
Erklärung Nummer 2: Gesellschaftlicher Energiesparmodus
Oder es ist noch schlimmer: Vielleicht sind wir inzwischen einfach so sehr im eigenen Tunnel, dass selbst ein Gruß schon als soziale Überforderung gilt.
Wir schreiben lieber drei Sprachnachrichten, statt einmal kurz anzurufen. Wir bestellen Essen per App, damit wir mit niemandem sprechen müssen. Und wenn uns jemand auf dem Radweg grüßt, sind wir innerlich direkt in Alarmbereitschaft.
„Was will der von mir? Kenne ich den? Habe ich was falsch gemacht? Will der über Reifenbreiten reden? Ist das ein Trick?“
Nein, Bernd. Der wollte nur Moin sagen.
Mehr nicht.
Aber vielleicht sind wir inzwischen so daran gewöhnt, nebeneinander herzuleben, dass selbst ein freundlicher Gruß verdächtig wirkt. Als hätte Höflichkeit plötzlich AGBs, denen man unbewusst zustimmt.
Dabei ist genau dieses kleine Grüßen eigentlich etwas Schönes. Es sagt: Ich sehe dich. Du bist auch unterwegs. Wir teilen gerade für einen kurzen Moment denselben Weg. Danach fährt jeder weiter, keiner will was verkaufen, keiner will eine Grundsatzdiskussion über Tubeless anfangen.
Einfach nur: Moin.
Und ja, natürlich muss nicht jeder immer grüßen
Jetzt höre ich schon die ersten innerlich bremsen.
„Aber Patrick, vielleicht hatte der andere einen schlechten Tag! Vielleicht war er konzentriert! Vielleicht hat er dich nicht gesehen!“
Ja. Alles richtig.
Natürlich muss niemand permanent fröhlich durch die Gegend winken wie der Animateur im All-Inclusive-Club. Manchmal ist man platt, genervt, im Gedankenkarussell oder kämpft gerade mit Gegenwind, Hungerast und der Frage, warum man eigentlich schon wieder zu wenig Wasser mitgenommen hat.
Geschenkt.
Aber wenn man sich sieht, wenn die Situation entspannt ist, wenn man auf einem ruhigen Radweg aneinander vorbeifährt — dann ist ein kleiner Gruß doch wirklich kein Hexenwerk.
Und vielleicht ist genau das der Punkt.
Es geht gar nicht nur ums Radfahren. Es geht darum, ob wir im Alltag überhaupt noch wahrnehmen, dass da andere Menschen unterwegs sind. Nicht nur Hindernisse. Nicht nur Verkehrsteilnehmer. Nicht nur bewegliche Objekte mit Helm und Funktionsshirt.
Sondern Menschen.
Mein Vorschlag: Mehr Moin wagen
Ich glaube, wir sollten das Grüßen beim Radfahren nicht unterschätzen. Es ist klein, aber es macht etwas mit der Stimmung.
Ein kurzer Gruß kann eine Tour irgendwie freundlicher machen. Er zeigt, dass man nicht allein durch eine komplett gleichgültige Welt rollt. Und gerade draußen, auf dem Rad, wo man eigentlich raus will aus dem Alltagslärm, sollte ein bisschen Menschlichkeit doch drin sein.
Also mein Vorschlag:
Beim nächsten entgegenkommenden Radfahrer einfach mal wieder „Moin“ sagen.
Nicht schreien. Nicht missionieren. Nicht beleidigt sein, wenn nichts zurückkommt. Einfach machen.
Und wenn keine Reaktion kommt?
Dann fährst du weiter, lächelst kurz innerlich und denkst dir:
„Okay. Der ist wahrscheinlich gerade auf Platz 4387 beim Strava-Segment hinterm Klärwerk.“
Auch schön.
Moin.

